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Der Inhalt in Kürze

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lfriede Schwerdtfeger ist nicht so leicht aus der Fassung zu bringen. Vom Fensterplatz ihrer Wohnung in der Kleinen Reichenstraße in Hamburgs Altstadt beobachtet die ältere Dame gemeinsam mit ihrer Katze Fritzi, was draußen so alles passiert. Und außerdem hält sie nach ihrem Sohn Arthur Ausschau, auf dessen Rückkehr von der Front in Frankreich sie jeden Tag hofft, obwohl ihr sein Ableben vom Kaiser höchstpersönlich schriftlich mitgeteilt worden war – aber da kann es sich nur um einen Irrtum handeln, da ist sie ganz sicher! Und so schreibt sie jeden Tag für Arthur auf, was alles in der Stadt und unten auf der Straße passiert – damit er bei seiner Wiederkehr gleich auf dem Laufenden ist.

Aber am 23. Juni 1919, ein sonniger Montag, gerät sie dann doch in helle Aufregung, als sie von Lärm und Geschrei auf der Straße auf dem Schlaf gerissen wird. Als sie aus dem Fenster guckt, sieht sie was los ist: Eine aufgebrachte Menschenmenge stürmt die „vornehme Sülzefabrik“ des Fleischfabrikanten Jakob Heil auf der anderen Straßenseite. Am frühen Morgen war ein Fass von einem Pferdefuhrwerk gefallen und aufgeplatzt, als es die Fabrik verließ. Und es ergoss sich eine eklige Brühe aus verfaulten Kadavern von Ratten, Hunden und Katzen auf das Straßenpflaster. Wird daraus die begehrte „Delikatess-Sülze“ gefertigt, die für viele der seit Jahren hungernden Hamburger der letzte Notnagel war?

Was in den folgenden neun Tagen geschieht wird als die „Hamburger Sülze-Unruhen“ in die Geschichte der Hansestadt eingehen. Elfriede Schwerdtfeger, die alles aus nächster Nähe miterlebt, hält ihre Beobachtungen und Erlebnisse in ihrem Tagebuch fest: Neun Tage des Ekels und des Aufruhr, die am 1. Juli 1919 mit der brutalen Besetzung der Stadt durch die Reichswehr endet, was hunderte Tote fordert. Und sie gerät auch selbst in den Strudel der Gewalt, als sie dem kommunistischen Verlobten ihrer jungen Nachbarin Schutz gewährt, der von der Polizei verfolgt wird…

Massendemonstration mit Blasmusik im November 1918 auf dem Heiligengeistfeld

Werbeplakat für die Heil’sche Sülze

 

 

Wie es zu der Geschichte kam

„Haben Sie schon mal von den Hamburger Sülze-Unruhen gehört?“ fragte mich die acabus-Programmchefin Daniela Sechtig nach einem Gespräch in der Küche des Verlags über mein Manuskript von „Hotel Savoy“. Hatte ich nicht. Und sie wusste auch nicht Genaues, hatte es nur irgendwo am Rande aufgeschnappt. „Das steckt `ne Geschichte drin“, meinte sie, „recherchieren Sie doch mal. Vielleicht lässt sich da ein Roman draus machen.“
Es gab und gibt wenig Material über die Sülze-Unruhen. Zum Glück veranstaltete die Universität Hamburg im Frühjahr 2018 eine „offene Vorlesungsreihe“ im Hörsaal des Museums für Hamburgische Geschichte. Dort habe ich alles erfahren, was ich brauchte. Und so haben wir das Buch dann kurzerhand vorgezogen, „Hotel Savoy“ erscheint nun erst im Frühjahr 2019.

Der historische Hintergrund der Sülze-Unruhen:
Vor fast genau 100 Jahre endete der erste Weltkrieg mit dem Waffenstillstand am 11. 11. 1918. Das war gerade noch rechtzeitig um zu verhindern, dass die Kampfhandlungen der Westfront sich von Frankreich nach Deutschland verlagerten, das bis dahin davon verschont geblieben war. Die Generäle Hindenburg und Ludendorff hatten den Reichstag gebeten, den Aliierten die bedingungslose Kapitulation anzubieten. Zwei Tage vorher, am
9. November 1918, war der Kaiser unter dem Druck der Bevölkerung und der Reichtstagsparteien in die Niederlande geflohen. Die ersten freien Wahlen mit Frauenbeteiligung am 19. Januar 1919 ergaben dann in Berlin eine sozialdemokratisch geführte Koalition, zwei Monate später in Hamburg ebenfalls. Der Friedensvertrag von Versailles wurde im Mai 1919 unterzeichnet.

Frieden herrschte für die Bevölkerung trotzdem nicht. Die Revolution, bei der selbsternannte Arbeiterräte nach Sowjet-Vorbild vergeblich versuchten, die Macht zu übernehmen, brachte viel Unruhe und Opfer. Schlimmer für die Menschen war jedoch die seit 1916 anhaltende Hungersnot, entstanden dadurch, dass es auf dem Land fast keine Bauern mehr gab, um die Äcker zu bestellen – immerhin 17 Millionen Menschen sind im ersten Weltkrieg umgekommen –, und dadurch, dass die Alliierten eine Seeblockade errichtet hatten und weiterhin aufrecht erhielten, die verhinderte, das Lebensmittel in deutsche Häfen gelangten, also vornehmlich nach Hamburg. Vor diesem Hintergrund spielten sich die Sülze-Unruhen ab.

Die Schilderungen der Elfriede Schwerdtfeger sind real, sie selbst und einige weitere Personen in ihrem direkten Umfeld sind fiktiv. Macht es was, dass es „nur“ zu einer Novelle gereicht hat? Finde ich überhaupt nicht. Ich hätte eine Menge weiterer (echter) Details der Ereignisse einarbeiten oder die (erfundene) Geschichte um Elfriede ausweiten können, aber das hätte die Geschichte nicht prägnanter gemacht. Ich fand, nach knapp 70 Seiten war sie rund. Und dann habe ich nachgeguckt, was eine Novelle ist – und es passt haargenau.
Dies sind die Hauptkriterien:

  • Eine Novelle ist eine Erzählung von kürzerer bis mittlerer Länge. Oft wird darin ein Konflikt zwischen Chaos und Ordnung beschrieben, was zu einem Normenbruch und Einmaligkeit führt.
  • Es gibt nur eine sehr beschränkte Anzahl von Personen, die unmittelbar in die Handlung involviert sind.
  • Die Personen ändern sich im Laufe der Erzählung nicht wesentlich. Die Charaktere sind wenig ausgearbeitet.
  • Das zentrale Element ist immer eine „unerhörte Begebenheit“ (Goethe). Eine normale Alltagssituation ist folglich nie Inhalt einer Novelle.
  • Dennoch ist die Handlung der Novelle immer glaubhaft und nachvollziehbar und spielt in der wirklichen Welt.
  • Die Novelle hat eine strenge, geschlossene Form. Der Aufbau ist sehr klar
  • Ein weiteres Merkmal der Novelle ist, das sie meist einen Wendepunkt, der alles ändert, hat. Diese Wendung ist meist ein Schicksalseinbruch im Leben der Protagonisten, weshalb die Novelle häufig als Krisenerzählung beschrieben wird.
  • Die Novelle endet meist mit einem Ergebnis oder auch Resultat. Dieses muss keine Moral beinhalten, doch wird dadurch der gesamten Erzählung rückwirkend eine Bedeutung zugeschrieben.

Tja, bitte – wieder was gelernt!

General Paul von Lettow-Vorbeck

„Der Löwe von Afrika“ – General Paul von Lettow-Vorbeck befehligte die Reichswehr, die am 1. Juli 1919 die Sülze-Aufstände niederschlug und Hamburg für ein halbes Jahr besetzte