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Der Inhalt in Kürze

I

n der Wohnung des Rentners Johannes Bluhm am Hamburger Grindelhof lagern Kartons gefüllt mit seinen Tagebüchern, die er als Heranwachsender in den Jahren 1928 bis 1941 geschrieben hat. Immer freitags bekommt er Besuch von seinem Enkel Bernhard, der als einziger von der Existenz der Aufzeichnungen weiß und sie mit zunehmender Atemlosigkeit liest. Diese Schilderungen, ergänzt durch Gespräche zwischen den beiden, eröffnen dem jungen Mann ein Bild jener Zeit, in der alle Regeln des menschlichen Zusammenlebens Schritt für Schritt ausgehebelt wurden, bis schließlich das pure Grauen die Menschen beherrschte.
Johannes Bluhm ist sechs Jahre alt, als er seine ersten Worte in das Tagebuch schreibt. Er ist der Sohn einer Hafenarbeiterfamilie in Hamburg-Blankenese, seine Mutter arbeitet als Putzfrau bei der reichen jüdischen Reederfamilie Liebling in Flottbek, deren Tochter Leah am gleichen Tag wie Johannes im Tabea-Krankenhaus an der Elbe zur Welt gekommen ist. Die Kinder spielen zusammen, wenn die Mutter das Haus putzt, sie entdecken zusammen die Welt, sie werden unzertrennlich. Aus Kinder werden Jugendliche, aus Verbundenheit wird Liebe – eine Liebe, die in diesen Zeiten nicht sein kann, eine Liebe, die sich am Ende nicht „stärker als der Tod“ erweist, wie die beiden sicher glaubten.
Die Entwicklung der Kinder zu jungen Erwachsenen vollzieht sich im realistisch dargestellten Umfeld des Hamburg jener Tage, die dramatische Handlung spielt überwiegend in den Elbvororten und im Hamburger Grindelviertel. Das Ende der Geschichte ähnelt der vieler Liebesgeschichten, die zur Unzeit stattfanden. Trotzdem erlebt sie einen versöhnlichen Ausklang, der den Schmerz von Johannes Lebenswunde ein wenig lindert.

Wie es zu der Geschichte kam

Wenn man im Hamburger Uni-Viertel sein Büro hat und mittags einen Verdauungsspaziergang macht, kann es passieren, das man einen Zeitsprung erlebt: Ein paar Augenblicke zu lange den Blick nach oben auf die wunderschönen Fassaden der alten, im Krieg nicht zerstörten Großbürger-Häuser gerichtet – und schon beamt es einen 70 Jahre zurück. Damals hat es hier genauso ausgesehen, Gummibäume auf der Fensterbank vor Tüllgardinen, Kinderwagen und Fahrräder im Treppenhaus. Nur die eisessenden und Espresso trinkenden Studenten, die den Stadtteil heute so quirlig und lebendig machen, waren damals noch nicht dabei. Stattdessen prägten Männer in langen Mänteln und schwarzen Hüten, aus denen Schläfenlocken herauslugten, das Straßenbild, an der Hand Kinder, die ebenso gekleidet waren. In „Klein-Jerusalem“, wie man das Viertel damals nannte, lebten vor 1933 10 000 Juden, nach 1945 keiner mehr.
Wer also durch eine dieser Straßen geht – sie heißen zum Beispiel Bornstraße, Rappstraße, Dillstraße, Rutschbahn – kann erleben, dass er plötzlich zurückversetzt wird in eine Epoche, an die zwar hunderte von „Stolpersteinen“ erinnern, die vor den Haueingängen in die Bürgereinsteige eingelassen sind, die aber dennoch vollkommen aus der Zeit gefallen erscheint. Zumindest erging es mir so. Und dennoch ziehen einem Geschichten durch den Kopf, die sich damals hier zugetragen haben könnten. Geschichten von Menschen, die fürchteten, dass ihnen Grausames bevorsteht, aber nicht ahnen konnten, wie grausam es wirklich werden würde.

Solch eine Geschichte verdichtete sich nach und nach in meiner Phantasie, bis ich eines Tages nicht anders konnte, als damit zu beginnen, sie aufzuschreiben. Zunächst nur für mich selbst, um meine Gedanken zu sortieren. Binnen eines Jahres wurde dann ein Manuskript daraus, das ich „Leah“ nannte. So heißt die Hauptperson. Es war mein erster Roman, ich war zu dem Zeitpunkt 57 Jahre alt und hatte nie die Absicht oder den Wunsch gehabt, Bücher zu schreiben.
Um einen pädagogisierenden oder belehrenden Ton zu vermeiden entschied ich mich für die Form des Tagebuches, in dem die Geschichte von Johannes Bluhm, dem Hafenarbeitersohn aus dem Blankeneser Treppenviertel und seiner kleinen Freundin Leah Liebling, Tochter eines jüdischen Reeders aus Klein Flottbek, erzählt wird. Unterbrochen und ergänzt werden die Tagebucheinträge von Dialogen zwischen dem inzwischen zu einem alten Mann gewordenen Johannes und seinem Enkel, der die Tagebücher auf dessen Dachboden entdeckt hat und liest. Im Wechselspiel zwischen den anfangs im kindlichen Tonfall gehaltenen Tagebucheinträgen des kleinen Johannes und den kommentierenden Erinnerungen des alten Johannes Anfang des dritten Jahrtausends erfährt der Leser die Geschichte der beiden Kinder, die zu engen Freunden werden, zu verliebten Jugendlichen und dann zu liebenden jungen Erwachsenen. Und damit verbunden erfährt man natürlich eine Menge über den in den 30er Jahren fortschreitenden Terror gegen die jüdische Bevölkerung bis hin zu den Deportationen in den 40er Jahren. Eine große Liebe zur falschen Zeit am falschen Ort: Ein jüdisches Mädchen und ihr „arischer“ Freund – gegen alle Realität leben die beiden ihre Verbundenheit, ihre Freundschaft und ihre Liebe, solange es ihnen möglich ist.
Die Entscheidung für die Tagesbuchform erwies sich zunächst als Handicap: Die Verlage, denen meine Literatur-Agentin Lianne Kolf das Manuskript anbot, empfanden die Geschichte als zu „authentisch“, zu dokumentarisch, zu wenig fiktional, zumal eine Reihe tatsächlich existierender Personen der damaligen Zeit als Randfiguren des Geschehens vorkommen. Fast 30 Absagen mit fast identischem Wortlaut haben mich damals ziemlich deprimiert, weil ich die Begründung nicht plausibel fand (und immer noch nicht finde). Wenn geschrieben worden wäre, man finde die Geschichte langweilig, schlecht, unglaubwürdig, diletantisch oder etwas anderes dieser Art, dann hätte ich es kapiert und akzeptiert.
Fast zwei Jahre lang hat Lianne Kolf das Manuskript angeboten. Erst der Umstand, dass zwischenzeitlich ein zweites Manuskript fertig und veröffentlicht wurde („Zeiten der Hoffnung“, erschienen 2012) und sich recht gut verkaufte, führte zu „Leahs“ Veröffentlichung in 2013, zunächst als E-Book bei Hey-Publishing und nun auch als Taschenbuch bei Acabus.

Rezensionen

Hamburger Abendblatt: Wie muss das damals hier gewesen ein? Was hat sich in den Straßen des Grindelviertels täglich ereignet? Karsten Flohr hat sich diese Fragen immer wieder gestellt. Irgendwann entstanden im Kopf des Hamburger Autors bei seinen Spaziergängen Bilder von damals. Und nun wurde daraus eine packende Geschichte.

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Die Synagoge am Bornplatz im Hamburger Grindelviertel.
1938 von den Nazis verwüstet, wurde sie 1939 auf Kosten der jüdischen Gemeinde abgerissen.