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Der Inhalt in Kürze

E

in Roman wie ein Film: Die „Kamera“ begleitet einen Tag lang zwölf unterschiedliche Personen in ihrem täglichen Leben – und der Leser erfährt wie nebenbei, welch Ungeheuerlichkeit sich am Rande abspielt …

Das Leben nimmt seinen gewohnten Gang, so scheint es: Rüdiger, der Supermarkt-Azubi, fürchtet, dass die Chefin seinen Wurst-Klau bemerkt haben könnte; Postbote Ahmed fiebert dem Treffen mit seiner geheimnisvollen Lieblings-Kundin entgegen; Taxifahrerin Bella hat mal wieder ’ne Stinkwut auf alle Männer dieser Welt; Herr Klose versucht weiterhin, den Tauben im Park Essmanieren beizubringen; Polizeiobermeister Mizerski hilft der alten Frau Kleinschmidt, ihre Konservendosen zu öffnen und erfährt dabei viel Wissenswertes über die Welt des Subatomaren; Bob Dylan kommt in die Stadt und bricht sich kurz vor seinem Konzert beim Fußballspielen ein Bein – das wird die große Stunde von Harry, dem Straßenmusiker!

Doch der Schein des Alltäglichen trügt: Sie alle – und noch einige mehr, die uns in diesem Buch einen Tag lang an ihrem Leben teilnehmen lassen – verfolgen nebenher in den Medien die Berichte über die mysteriöse Entführung von Erich, dem Hund der Bundeskanzlerin. Und als eine Zeitung glaubt, damit den großen Scoop landen zu können, läuft alles vollends aus dem Ruder. Und das kommt folgendermaßen zustande (Auszug aus Kapitel 11):

„Das machen wir jetzt jeden Tag“, seufzt Judy, und lässt eine Hand über Heinrichs raspelkurzes Haar gleiten. Er atmet tief ein und weiß: So gut hat es in seinem Leben noch nie gerochen.

Sie lassen einander auch nicht los, als nach einer halben Stunde plötzlich die Tür aufgerissen wird und eine von Judys Mitbewohnerinnen in den Raum stürmt. „Hier!“, ruft sie außer Atem, „ich hab’ ihn fotografiert!“ Sie hält ihr Smartphone in die Höhe. „Guck hier – willst du’s sehen?“

„Wen hast du fotografiert?“, fragt Judy ohne sich zu bewegen.

„Den Hund!“, ruft das Mädchen, „diesen Erich! Du weißt doch – der von der Kanzlerin!“

Jetzt hebt Judy doch ihren Kopf, der auf Heinrichs Brust geruht hatte, und auch er dreht sich, sodass er das Display sehen kann. Sie erkennen eine Radfahrerin mit einem Korb auf dem Gepäckträger, in dem ein Hund sitzt, dessen Ohren im Wind wehen. „Ein Beagle“, ruft das Mädchen, „sieht haargenau so aus wie der, den sie immer im Fernsehen zeigen!“

„Vielleicht ist er auf Besuch hier?“, sagt Heinrich.

„Nein! Er ist doch entführt worden. Und jetzt hält er sich in unserer Stadt auf, und ich allein weiß das. Was soll ich nun machen?“

„Schick das Foto an die Zeitung, die wissen, was zu tun ist. Auf dem Küchentisch liegt noch die von gestern, da steht die Mailadresse drin“, schlägt Judy vor.

Das Mädchen betrachtet das Bild. „Erich!“, sagt sie, „das ist er, original!“ Und weg ist sie, lässt die Tür offen stehen, sodass Judy ein ganz langes Bein machen muss, um sie zuzumachen.

Was dann geschieht wirft ein völlig neues Licht auf die politische Landschaft der Bundesrepublik Deutschland des Jahres 2017– denn der Leser lernt die Bundeskanzlerin so kennen, wie sie noch niemand zuvor erlebt hat …

Wie es zu der Geschichte kam

Manchmal beim Schreiben verselbständigt sich das Geschehen: Die handelnden Personen nehmen das Heft in die Hand, und ich muss zusehen, dass ich so schnell wie möglich mit dem Schreiben hinterher komme. Denn sie nehmen keine Rücksicht auf mich.

Diese Erfahrung hat bei mir den Wunsch geweckt, es einmal drauf ankommen zu lassen: Von vornherein die Figuren machen zu lassen, was sie wollen – ohne Konzept und „Partitur.“ Ich habe mich also hingesetzt und mir die erste Figur ausgedacht – Rüdiger, den Lehrling im Spar-Markt, der einen schrecklichen Verdacht hat. Am Ende seines Kapitels trifft er die Rentnerin Trude Kranich und wir begleiten diese eine Weile durch ihren Tag; dann kommt der Postbote und wir wenden uns diesem zu; danach Bella die Taxifahrerin, Rudi der Film-Komparse, Hermann der Krankenhauspförtner. Und so weiter. Der Stab wird vom einem zum anderen weitergereicht.

Die Personen haben wenig bis gar nichts miteinander zu tun, machen auch nichts zusammen, sie treten nacheinander auf, begegnen sich kurz, ohne sich vorher gekannt zu haben (die meisten zumindest). Und nebenbei verfolgen sie im Fernsehen, Radio, Internet usw. die Geschichte über den entführten Hund, die zunächst keine große Rolle spielt, dann aber immer weiter ins Zentrum des Geschehens rückt. Bis zum Finale, in dem Erich, der Kanzlerhund, im Mittelpunkt steht. Und natürlich sein Frauchen …

Die Idee hat funktioniert (finde ich zumindest). Die Story hat sich von selbst entwickelt, ein Schritt nach dem anderen ohne Plan und Drehbuch. Ich weiß jetzt: Schreiben ist wie das Leben selbst: Irgendwie geht es immer weiter, auch wenn man gar nicht gestaltend eingreift. Das war eine gute Erfahrung.

Buchcover Erich RS