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Der Inhalt in Kürze

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ie „Liberty“, einer der letzten Clipper der großen Zeit der Segelschiffe, sticht von Hamburg aus in See. Mit dabei: Sigismund Skrik, gefragtester Schiffsfrisör bei den Auswanderern zwischen Hamburg und New York. Am 12. Juli 1879 steht er an Deck des Schiffes und schaut den Menschen zu, die an Bord kommen. Noch kennt er sie nicht, aber er wird sie bald kennen lernen – diese Tour wird alle vorherigen an Drama und Leidenschaft, Irrsinn und Tumulten übertreffen.
Da ist zum Beispiel
– die Kurtisane, die von einem Verehrer ein Vermögen geerbt hat
– der Zoologe aus Leipzig, der vier Makaken-Damen mit einem Affen in Desmoines verkuppeln will
– die Ringerin aus dem Kopenhagener Tivoli, die beim Zirkus Barnum&Bailey als „stärkste Frau der Welt“ auftreten soll
– der Anarchist aus Moskau, der sich als harmloser Nudist entpuppt
– die junge Adlige, die auf der Flucht vor den Häschern ihres Vaters ist
– der sächsische Erfolgsschriftsteller, der inkognito zum ersten Mal in den Wilden Westen reist, um die Indianer zu bekehren
– die Operndiva aus Mailand, die ein letztes Mal singen will
– der Arbeitsvermittler, der 20 Klöpplerinnen aus Brügge eine große Zukunft versprochen hat
– die alte Gräfin aus Ostpreußen, die mit einer geheimnisvollen Kiste unterwegs ist
– der Bauer aus Lauenburg, der es in Minnesota zu einer eigenen Farm und mehreren Squaws gebracht hat und nun seine Familie nachholt
– der Konzertpianist, der als Goldgräber in Kalifornien reich werden will
– der Weinbauer aus Bordeaux, dessen Rebstöcke die salzhaltige Luft auf See nicht vertragen
– der Heiratsschwindler auf der Suche nach der richtigen Frau
– die Taschendiebin, die in Amerika neu anfangen will.

Sie alle werden Sigismund Skriks letzte Atlantik-Überquerung zu einem atemberaubenden Abenteuer machen.

Wie es zu der Geschichte kam

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in Freund, der meinen ersten Roman „Leah“ gelesen hatte,  sagte mir, dass in dem heutigen Restaurant an der Ecke Bornstraße/Grindelhof, also ganz in der Nähe des Hauses, in dem Leah ihre letzten Wochen verlebte, früher sein Ur-Urgroßvater einen Frisiersalon hatte, und davor sei der gute Mann zur See gefahren – als Schiffsfrisör auf Auswandererschiffen. Von diesem Beruf hatte ich noch nie gehört. Es gibt in Hamburg und in Bremerhaven zwei großartige Museen, die die Situation der Auswanderer im 19. Jahrhundert verblüffend lebensecht darstellen. Man kann hier buchstäblich in die Kojen der armen Leute hineinkriechen, die ganz unten im Schiff hausen mussten, man sitzt mit im Speisesaal, und man hat interaktive Möglichkeiten, die Schicksale und Lebenswege einzelner Familien nachzuvollziehen.

Auf Hinweise für die Existenz eines Frisörs bin ich in den beiden Museen zwar nicht gestoßen, aber es ist anderweitig verbrieft, dass es solche dienstbaren Geister an Bord der Auswandererschiffe gab – ja, geben musste, denn es ist klar, denn zumindest die Passagiere der ersten Klasse ohne einen solchen nicht

auskommen konnten auf so einer Fahrt, die bei ungünstigen Windverhältnissen bis zu 60 Tage lang dauerte – schließlich wollte man abends beim Käpten’s Dinner manierlich aussehen.
Friseure gehören bekanntlich zu jenen Zeitgenossen, denen viel Intimes und Vertrauliches mitgeteilt wird – von wildfremden Menschen. Aus irgendeinem Grund, der einmal eine pschychologische Studie wert wäre, haben wir offenbar alle das Bedürfnis und das nötige Vertrauen, unserem Frisör die privatesten Dinge zu erzählen. Und wenn das dann noch in der Extremsituation auf einem Auswandererschiff geschieht, kann man sich leicht vorstellen, dass da allerlei zur Sprache kommt. So dachte ich es mir, und begann, die Geschichte zu entwerfen, das nun in diesem Buch nachzulesen ist.
Es ist beim Schreiben gleich zu Beginn etwas Seltsames passiert, ungeplant und zunächst unbemerkt. Es war bei der Szene, in welcher der Quartiermeister während seiner Begrüßungsworte an die Passagiere ins Wasser fällt und alle annehmen (auch der Leser), dass er das nicht überleben würde.
Aber wie durch ein Wunder kommt der Mann aus dem Abgrund emporgewirbelt, schwebt einen Moment lang über den Köpfen der Menschen und kracht dann aufs raue Kopfsteinpflaster – lädiert, aber lebend –, gerade noch rechtzeitig, bevor er zwischen dem Schiffsrumpf und der Kaimauer zerquetscht worden wäre. Von diesem Moment an habe ich die guten Geister der Wahrhaftigkeit über Bord geworfen und mich von den Möglichkeiten meiner Phantasie vorantreiben lassen, ungeachtet der Frage, ob das alles wirklich so stattgefunden haben könnte. Das war wunderbar! Im Ergebnis ist nicht zu bestreiten, dass während der Überfahrt eine Reihe von sehr merkwürdigen Dingen passieren, aber alle haben mich im höchsten Maße amüsiert, sodass ich beim Schreiben nicht selten laut lachen musste – etwas, dass bei „Leah“ und „Zeiten der Hoffnung“ völlig unangebracht gewesen wäre.

Später habe ich dann in einem Essay des großen Martenstein diesen wunderbaren Satz gefunden, der, wie ich finde, meinen spontanen Entschluss nachträglich rechtfertigt: „Zeitgenössische literarischen Texte sollten sich endlich von der Diktatur der Sinnhaftigkeit befreien“, schreibt er. Wie wahr! Schluss mit „Was will der Dichter uns sagen?“ und „Ist das alles korrekt?“ und all diesen Deutschlehrer-Sprüchen. Kunst (und ich bezeichne Literatur einfach mal als solche) ist nicht dazu da, die Wirklichkeit abzubilden, sondern Wirklichkeiten zu schaffen! Auch solche, die keinen Anspruch auf Realität hat.

Derart befreit habe ich die Handlung des Buches mit großer Wonne vorangetrieben, und die Begeisterung der Mitarbeiter von Amazon Publishing, wo das Buch verlegt wird, bestätigt mein Gefühl, gut daran getan zu haben, ebenso wie die Mail des Übersetzers John Brownjohn (das Buch erscheint im Juni in englischer Sprache): „I would only like to tell you how very much I am enjoying translating your most entertaining novel. It is a long time since I have had such fun“! Darauf bin ich ein bisschen stolz, denn Brownjohn ist einer der renommiersten Übersetzer, hat über 160 Romane ins Englische übertragen und diverse Literaturpreise gewonnen – im Gegensatz zu mir. Wenn so einer sich gut unterhalten fühlt, dann soll das was heißen.

Übrigens: Ursprünglich sollte der Roman keinen derart langen Titel haben, sondern „Liberty“ heißen. Im letzten Moment bemerkte der Verlag, dass es bereits ein gleichnamiges deutschsprachiges Buch gibt, und somit musste ein anderer Titel her. Mir gefällt er gut.

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Auswanderer an Bord eines Seglers 
vor der Freiheitsstatue, ca. 1890