Oktober 2016

Gut Ding will Weile haben, das wissen wir ja. Auf der Website „We love books“ erschien jetzt eine Rezension von Villa Ludmilla, der zufolge ich endlich als das erkannt werde, was ich bin: Ein Welt-Literat! Die Rezension lautet so:

Die Menschen, die in diesem Werk beschrieben werden, sind so skurril, so grotesk sympathisch, dass man sie von Anfang an ins Herz schließt. Von einem Schaffner, der schlafende Fahrgäste fotografiert, um festzustellen, wie sie das mit dem Einschlafen hinbekommen, bis zum blinden Hund, dessen bester Freund ein Maulwurf – man versteht sich unter Blinden – ist, ist alles dabei. Jede neue Figur wird auf herrlich reduzierte, gleichermaßen lustige und achtsame Art und Weise eingeführt und mit Respekt behandelt. Durch all diese Personen gelingt es dem Autor, Achtsamkeit zu lehren. Achtsamkeit vor den Dingen, die im Leben wirklich zählen. Vor dem Leben, dem Lieben und dem Empfinden anderer, die vielleicht nicht in den eigenen Lebens- und Erfahrungshorizont passen mögen und dennoch ein Recht auf eine offene Begegnung haben. Niemals wird ge- oder gar verurteilt, jedoch wird stets die Seltsamkeit des Beschriebenen auf eine immer neue Art und Weise zelebriert. 

Auf mich wirkt es, als hätte Karsten Flohr sich jede Szene in mehreren Varianten durchdacht, nur um sich dann für das abwegigste und seltsamste Setting zu entscheiden. Je weiter man im Lesen fortschreitet, desto abstrakter wird es. Allein die Symbolik mancher Gegenstände erinnerte mich stark an Bölls »Billard um halb zehn« und das darin vorkommende Symbol »Sakrament des Büffels«. Das Allermeiste in diesem Buch ist nicht buchstäblich zu verstehen, so weit bin ich mir sicher.

Auch die, nennen wir es mal so, esoterische Komponente, dass die erbaute Zeitmaschine aus meditierenden Vietnamesinnen mit, in Reihe geschalteten Staubsaugern besteht – ganz ehrlich (ich greife jetzt mal zur Umgangssprache): Da fliegt mir die Sicherung. Aber die ist mir auch Bei Kafka und Konsorten schon öfter mal hopps gegangen (Umgangssprachemodus wieder aus).

Den Begriff »Roman« finde ich im Nachhinein betrachtet nicht ausreichend. Bei »Villa Ludmilla« handelt es sich um Literatur. Bücher kann man produzieren. Romane schreiben. Literatur wird geschaffen. Karsten Flohr nun hat sich nach meinem Dafürhalten einen Platz in der Welt der Literatur verdient.

Gerne möchte ich meinen Lieblingsdialog teilen: »Was ist mit deinen Füßen?«, fragt sie. »Hast du Blasen?«Bruno blickt auf seine neuen Schuhe. »Meine Zeigezehen sind zu lang«, sagt er.

Ich hoffe, dass in naher Zukunft ein Germanistikstudent eine Abhandlung über dieses Werk verfasst, nur um zu sehen, ob wir in der Interpretation irgendwelche Schnittmengen erreichen.

Fazit: Karsten Flohr ist etwas gelungen, wovon wir Schriftsteller alle träumen: Er hat einen bleibenden Beitrag zur Welt der großen Literatur geliefert.

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September 2016

Der Herbst geht gut los: Habe gerade einen Vertrag unterschrieben mit Acabus für das neue Buch, das im März 2017 erscheinen und auf der Leipziger Buchmesse vorgestellt werden soll. Es heißt Erich oder: Der Tag den Angela M. nie vergessen wird. Es ist der Roman mit der ungewöhnlichstes Form, die ich bisher benutzt habe (und auch gelesen habe), es hat nämlich keinen Haupt-Helden und auch keine Handlung im herkömmlichen Sinn. Der Leser erlebt stattdessen den Ablauf eines Tages anhand von zwölf ganz verschiedenen Personen mit, die nichts miteinander zu tun haben und sich auch nicht kennen und die jeweils ein Stück des Weges ihres jeweiligen Tagwerks begleitet werden und. Sie begegnen sich immer nur zufällig kurz (in der Schlange am Supermarkt, auf der Straße, im Park etc). „Nebenbei“ findet die eigentliche Handlung statt (genau genommen zwei Handlungen): In den Medien kriegen die Leute und damit auch die Leser mit, dass der Hund der Bundeskanzlern entführt worden ist, was zu einem turbulenten Schluss führt; außerdem kommt Bob Dylan für ein Konzert in die Stadt, bricht sich aber kurz vorher beim Fußballspielen ein Bein, was Komplikationen nach sich zieht.

Es gibt schon einen Lesungs-Termin in Leipzig am 23. März in der Kneipe „Wodkaria“. Der Verlag will noch mehr an Land ziehen.