Leah

„Bernhard Blum besucht regelmäßig seinen Großvater. Sie trinken Rotwein, rauchen Zigarre, unterhalten sich. Bei einem dieser Treffen packt Großvater Johannes sein altes Tagebuch aus und erzählt Bernhard die Geschichte seiner großen Liebe. Bereits im Kindesalter verliebt Johannes sich in die reiche Jüdin Leah. Obwohl Johannes aus ärmlichen Verhältnissen stammt, ist dies nie Thema. Johannes ist im Hause Liebling stets willkommen. Aus der kindlichen Freundschaft wächst eine starke Liebe. Für alle ist klar, dass Leah und Johannes eines Tages heiraten werden. Doch dann kommt der Krieg und zerstört alles.
Karsten Flohrs Roman „Leah – Eine Liebe in Hamburg“ ist in Tagebuchform geschrieben. Nach einigen Tagebucheinträgen diskutieren Bernhard und sein Großvater die damaligen Geschehnisse.
Schnörkellos und manchmal fast gefühllos beschreibt Johannes seinen Alltag. Wahrscheinlich konnte man nur so die grausame Zeit überstehen. Seine Familie und auch Johannes selbst wagen es, Kritik an Hitlers Politik zu üben. Das kommt sie schwer zu stehen. Trotzdem kämpft Johannes gegen die Willkür, die Leahs jüdischer Familie das Leben zur Hölle macht. Er resigniert nicht, lehnt sich auf. Mir hat dieser kurze Roman ausgesprochen gut gefallen. Karsten Flohr beschreibt, wie alles begann, von kleinen Schikanen gegenüber den Juden, bis hin zur Enteignung und Deportation. Alles verlief so fließend, dass es wie selbstverständlich wirkt.
Sehr dazu passend waren die Abschnitte aus der heutigen Zeit. Bernhard konnte kritisch hinterfragen, sein Großvater klärte ihn auf. Ich wünsche mir, dass dieses Buch von vielen jungen Menschen gelesen wird. Es ist unterhaltsam, bringt aber auch zum Nachdenken.“ 

(ikopiko)

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„Die Geschichte um Leah und Johannes liegt mir trotz der eher geringen Seitenanzahl von rund 200 und der Tatsache, dass der Klappentext bereits alles verrät, besonders am Herzen. Das Buch ist größtenteils in Tagebuchform geschrieben, wobei der Protagonist als Kind durch seinen Großvater zu Schreiben beginnt. Über die ganze Zeit hinweg spielt die Freundschaft zur gleichaltrigen Leah eine ganz besondere Rolle, sodass die beiden später in ihrer Jugend sang- und klanglos ein Paar werden – als wäre es ihnen schon immer klar gewesen, ihr Leben zusammen zu verbringen. Neben den Tagebucheinträgen springt die Story manchmal in Romanform, in der Johannes’ Enkel die Tagebücher findet und mit seinem Großvater über die Geschehnisse spricht.

In den späten 30er Jahren begann Johannes plötzlich, auch über die politischen Ereignisse in Deutschland zu schreiben. Hitler ist an der Macht, und die Situation für jüdische Bürger wird immer bedrohlicher. Leahs Familie hat zunächst Glück, da die Mutter arisch ist – doch sie ist schwer krank, was ein Auswandern unmöglich, und das Leben der Familie von ihrem Überleben abhängig macht. Man kann sich vorstellen, was unausweichlich geschieht.

So tief berührt haben mich diese Tagebucheinträge deshalb, weil sie nicht gekonnt in Szene gesetzt werden. Johannes schreibt einfach, was ihm durch den Kopf geht, und weiß noch nicht, dass er sich gerade im dunkelsten Kapitel der deutschen Geschichte befindet. Doch auch Leah hat mich als Charakter tief berührt. Eine junge jüdische Frau, die sich für ihre Mitmenschen einsetzt, den Zwangsumgesiedelten zur Seite steht, und tut was sie kann – selbst dann noch, als sie selbst längst verloren ist.

Der Klappentext verrät das schmerzhafte Ende der zweisam verbrachten Liebe, doch hat das Buch trotzdem einen Ausgang, der mir wie blühende Rosen auf einem verwitterten Gedenkstein erschien. Somit kann ich diese Geschichte nur jedem ans Herz legen, der sich für das Thema interessiert. Eine zutiefst berührende Geschichte.“

(Tialda)

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„Die Tagebucheinträge nehmen einen großen Teil des Romans ein und werden umrahmt von der Geschichte der Gegenwart, wo Bernhard Bluhm jeden Freitag seinen Großvater Johannes besucht und dieser eines Tages beginnt, ihm die alten Tagebücher zu zeigen und von seiner großen Liebe zu erzählen. Je mehr Bernhard über die Vergangenheit seines Großvaters erfährt, umso stärker ist er berührt davon, gefangen in dieser schrecklichen und zugleich schönen Geschichte.

Johannes Tagebuch ist sehr realistisch und glaubwürdig geschrieben. Er und Leah sind ein ganz besonderes, sehr sympathisches Paar. Sie verbringen so viel Zeit wie irgend möglich zusammen und lassen sich selbst von den Maßnahmen und Sanktionen des Regimes nicht schrecken, auch wenn Leah im Lauf der Zeit fast alles verliert, was ihr am Herzen lag. Sie ist ein liebenswerter und zugleich starker Charakter und passt somit perfekt zu ihrem Johannes. Bis zuletzt arbeitet sie in der Fürsorge und betreut die Menschen, denen es noch schlechter ergeht als ihr selbst. Das Ende dieser innigen Beziehung ist abzusehen, und trotzdem oder vielleicht gerade deswegen ist es so unwahrscheinlich berührend.

Das Besondere an diesem Roman ist, dass er beginnt, als noch Normalität im Land herrschte und dass er die damalige Entwicklung im Lauf der Jahre mitverfolgt, als der Wahnsinn dieser Zeit immer mehr Raum des Alltags einnahm, und als sich die politische Ideologie der Nationalsozialisten schleichend immer weiter ausbreitete, wie ein giftiges Gespinst.
Die Schrecken des Krieges bleiben Kulisse, aber umso verstörender ist es, zu erfahren, wie es den Juden damals im täglichen Leben erging. Für uns heute, die wir in einem freien Land leben und selbst entscheiden können, wo wir in der Gesellschaft stehen, ist es nur schwer zu verstehen, wie sehr sich damals der Staat in alles mögliche hinein drängte und wie stark er die Menschen beeinflusste, denn auch wenn die Protagonisten fiktiv sind, so ist alles andere nicht erfunden, sondern leider nur allzu real. Das Ende des Romans wiederum ist überraschend, versöhnlich und sehr berührend.

Ich kann den Roman von Herzen empfehlen, denn auf seine Art ist dieses kleine Buch, das nur ca. 220 Seiten dick ist, ein wichtiges Zeitzeugnis deutscher Vergangenheit und eine Ermahnung gegen das Vergessen.“

(Susanne L.)

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„Karsten Flohrs Roman „Leah – eine Liebe in Hamburg“ erzählt Geschichten aus dem Grindelviertel in der Zeit der Judenverfolgung. Wie muss das damals hier gewesen sein? Was hat sich in den Straßen des Grindelviertels täglich ereignet? Karsten Flohr, der als Student in der Bornstraße 22 wohnte, hat sich diese Fragen immer wieder gestellt. Irgendwann entstanden im Kopf des Hamburger Autors bei seinen Spaziergängen durch die Straßen Bilder von damals. Und nun wurde daraus eine Geschichte.

„Leah – eine Liebe in Hamburg“ ist eine ergreifende Erzählung über die Zeit, als die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht an sich rissen. Als sie die Juden erst aus ihren Wohnungen vertrieben, sie dann im Grindelviertel in den sogenannten Judenhäusern unterbrachten und schließlich von der Moorweide mit Lastwagen zum Hannoverschen Bahnhof brachten. Von hier wurden die Menschen mit Zügen in die Konzentrationslager nach Osten gefahren und dort umgebracht.

Im Sommer vor 70 Jahren erfolgte der erste Transport von Hamburg nach Auschwitz. Im Juli 1942 wurden 300 Hamburger Juden in das Konzentrationslager deportiert. Im Herbst des Vorjahres waren bereits mehr als 3000 Juden aus Hamburg nach Lodz, Minsk und Riga transportiert worden, wo sie fast alle den Tod fanden. Karsten Flohr ist der Frage nachgegangen, wie es dazu kommen konnte, dass die Menschen wussten, „da ist etwas nicht in Ordnung, sich dann aber nicht weiter darum gekümmert haben“.

Karsten Flohr hat ein interessantes Stilmittel für seine Erzählung gewählt – den Wechsel von Tagebuch und Dialog zwischen einem Großvater und seinem Enkel. Und gleichzeitig ist sein Hamburg-Roman eine Mischung aus Fiktion und Fakten. Wilhelm Bluhm, Sohn eines Hafenarbeiters, und seine Jugendliebe Leah Liebling, Tochter eines Reeders aus Blankenese, die im Dezember 1941 eine Tochter bekommen, sind erfundene Figuren. Andere Personen sind, genau wie sämtliche Zahlen und Ereignisse, real. So wie Karl Kaufmann, Gauleiter der NSDAP, und Willibald Falck, Leiter der Sonderdienststelle Zwangsarbeit beim Arbeitsamt. Wie der Oberrabiner Joseph Hirsch Carlebach und Martin Heinrich Corten, ab 1940 Leiter des Israelitischen Krankenhauses. Wie Ida Dehmel, Vorsitzende von Künstlervereinen, die in Blankenese lebte und 1937 Selbstmord beging, und Herbert Michaelis, Kommunist und Jude, der 1937 versuchte, die Rüstungsexporte nach Spanien publik zu machen, und zwei Jahre später wegen Hochverrats hingerichtet wurde.

Eine der ersten Tagebuch-Eintragungen datiert vom 5. Mai 1928. Der Tag, an dem es in Altona bei den Straßenschlachten fünf Tote gab. „Die Braunen und die Roten haben diesmal nicht nur mit Stuhlbeinen aufeinander eingeschlagen, sondern es wurde geschossen.“ Zum ersten Mal, erzählt Wilhelm Bluhm seinem Enkel bei einem Glas Rotwein, zu dem sie sich regelmäßig am Freitagabend treffen.

Am 5. März 1933, dem Tag der Reichstagswahl, griffen die Nazis nach der Macht in Hamburg. „Und von dem Tag an räumten sie auf“, lässt Karsten Flohr seinen Protagonisten Wilhelm Bluhm sagen. Altonas „Bürgermeister Max Brauer stand ganz oben auf ihrer Liste. Er ist untergetaucht.“ Flohr schildert den schleichenden Prozess des um sich greifenden Rassismus und der Vertreibung anhand von alltäglichen Szenen einer Liebe zwischen zwei jungen Menschen, die sich den braunen Verbrechern widersetzt. Sonntag, 26. Januar 1936. Leah und Wilhelm sind 14 Jahre alt. „Wir haben uns angefasst, als wir am Wasser entlanggegangen sind. Wir haben unsere Handschuhe ausgezogen, damit wir uns fühlen konnten. Als wir uns auf unsere Lieblingsbank am Schiffsanleger an der Elbe setzen wollten, war da ein neues Schild an der Lehne, auf dem stand, dass Juden hier ab sofort nicht sitzen dürfen. ‚Aber du bist ja bei mir, außerdem bin ich nur Halbjüdin‘, sagte Leah und setzte sich. ‚Auf diese Weise sitzt hier nur ein Viertel von einem Juden.‘ Ich habe mich dazu gesetzt und gesagt: ‚Außerdem weiß es keiner. Man sieht es ja nicht.'“

Vorher hatte Leah erzählt, dass wieder neue Mädchen in ihre Klasse gekommen sind. Von verschiedenen Schulen, wo sie als Juden nicht mehr erwünscht sind. „Es war wohl nicht schön für sie in den öffentlichen Schulen.“ Auch Wilhelm erzählt von seinem Lehrer, der eines Tages den kleinen David aus der Stunde schmeißt mit den Worten: „Du bist auch so einer. Ihr habt unser Land auf dem Gewissen. Geh raus, ich will dich heute nicht mehr sehen in meiner Klasse.“ Und später reimt Dr. Göttert vor seinen Schülern: „Mandelbaum und Grünhut sind nicht mehr da – die fahren nach Amerika.“ Dann versichert er: „Bald sind sie alle weg.“ Und anschließend heißt es: „Hefte raus. Jeder schreibt einen Brief an unseren geliebten Führer. Thema: Warum ich mein Leben dem Vaterland widme.“

Lebten 1933 noch rund 17 000 Juden in Hamburg, waren es zehn Jahre später nur noch etwa 1000. Viele sind ins Ausland emigriert, aber es gab auch erfolgreiche Hamburger Kaufleute, wie Leahs Vater Samuel Liebling, die geblieben sind. Weil sie wohl die Augen davor verschlossen, was um sie herum ab 1935 passierte. Als Juden nicht mehr in den öffentlichen Dienst gelassen wurden und nicht mehr wählen durften. Nicht mehr ins Theater und ins Kino konnten. Ab Juli 1937 Kennkarten bei sich tragen mussten, und ein Jahr später das Berufsverbot für jüdische Ärzte und Anwälte folgte. Im August 1938 wurden die Zweitnamen „Israel“ und „Sara“ Pflicht. „Arische“ Frauen wurden aufgefordert, sich von ihren jüdischen Männern zu trennen. Jüdisches Vermögen wurde anmeldepflichtig, sie mussten ihre Immobilien verkaufen. Ab Januar 1939 ist es den Juden verboten, öffentliche Verkehrsmittel zu benutzen, im April 1939 wurde die freie Wohnungswahl für Juden aufgehoben, im September 1941 wird der „Judenstern“ Pflicht.“

(Jan Haarmeyer, Hamburger Abendblatt)